Stadtrat stoppt Kita-Konzept – Grundsatzdebatte zur Zukunft der Einrichtungen bleibt offen
Pressemitteilung Nr. 164/2026
Das Konzept war vom Rat selbst auf den Weg gebracht worden, der Sozialausschuss hatte sich über ein Jahr mit dem Thema befasst und das Papier befürwortet
Der Stadtrat der Einheitsgemeinde hat das Konzept zur Weiterentwicklung der Kindertageseinrichtungen mehrheitlich abgelehnt. Damit wurde ein Papier gestoppt, das der Rat selbst auf den Weg gebracht hatte und das in den vergangenen Monaten im Ausschuss für Soziales, Bildung, Kultur und Sport intensiv vorbereitet worden war.
Der Ausschuss hatte sich über mehr als ein Jahr mit der Entwicklung der Kita-Landschaft beschäftigt. Dazu gehörten auch zwei Sondersitzungen. Am Ende hatte der Fachausschuss das Konzept befürwortet. Der Stadtrat lehnte die Vorlage nun mehrheitlich ab, ohne konkrete Änderungswünsche zu beschließen.
Unklar ist damit derzeit, auf welcher Grundlage die weitere Ausgestaltung der Kita-Landschaft der Einheitsgemeinde im September beraten werden soll. Ursprünglich sollte das Konzept als strategische Basis dienen, um Kinderzahlen, Standorte, Personal, bauliche Situation, Qualität und Finanzierung gemeinsam zu betrachten.
Konzept sollte Grundlage für schwierige Entscheidungen sein
Das Konzept war erarbeitet worden, um die Kindertageseinrichtungen der Einheitsgemeinde nicht nur einzeln, sondern in ihrer Gesamtentwicklung zu betrachten. Hintergrund sind unter anderem sinkende Geburtenzahlen, unterschiedliche Auslastungen der Einrichtungen, steigende Anforderungen an Inklusion und Qualität, hohe Anforderungen an das Personal sowie erhebliche finanzielle und bauliche Herausforderungen.
In den vergangenen Monaten wurden dafür Daten zu Kinderzahlen, Auslastung, Wegen, Personal, Gebäuden, Sanierungsbedarfen, Kosten sowie Rückmeldungen aus Elternschaft, Leitungskräften und Fachkräften zusammengetragen.
Die Ablehnung des Konzeptes bedeutet nicht, dass diese Fragen erledigt sind. Die demografische Entwicklung, die Personalsituation, die Gebäudezustände und die Finanzierungsfragen bleiben bestehen. Es fehlt nun jedoch die vom Fachausschuss befürwortete gemeinsame Grundlage, auf der diese Themen strukturiert weiterberaten werden können.
Debatte zeigt den eigentlichen Konflikt
Bereits in der vorhergehenden Beratung im Ortschaftsrat Tangerhütte war deutlich geworden, worin der eigentliche Konflikt liegt. Die Zahlen und die Datengrundlage wurden nicht grundsätzlich bestritten. Einzelne Ortschaftsräte würdigten das Zahlenmaterial ausdrücklich als „top“, kritisierten jedoch, dass aus den Zahlen keine klare strategische Zielrichtung abgeleitet werde.
Bürgermeister Andreas Brohm hatte dem entgegengehalten, dass die Verwaltung den Auftrag des Rates abgearbeitet habe. Der Auftrag sei breit angelegt gewesen. Zugleich habe es politisch keine tragfähige Erwartung gegeben, dass die Verwaltung eigenständig festlegt, welche Einrichtungen künftig geschlossen oder abgestuft werden sollen. Frühere Überlegungen, Einrichtungen stärker nach Bedarfen, Leistungsfähigkeit und Schwerpunkten zu betrachten, seien politisch nicht akzeptiert worden.
Damit wurde sichtbar: Die Verwaltung sollte eine Grundlage schaffen, aber die letzte strategische Entscheidung über die künftige Kita-Landschaft bleibt politisch zu treffen.
Die nicht geführte Grundsatzdebatte
Besonders deutlich hatte Tangerhüttes Ortsbürgermeister Daniel Wegener in der Diskussion des Ortschaftsrates den Kern der Debatte ausgesprochen. Er stellte fest, dass die Einheitsgemeinde „zu wenig Kinder“ habe und „zu wenig Kinder nachkommen“. Dieses Problem zeige sich bereits in den Kitas und werde sich perspektivisch auch in den Schulen zeigen.
Wegener machte zugleich deutlich, dass niemand „der Böse“ sein wolle, der Vorschläge zur Schließung von Schulen oder Kitas macht. Genau dadurch bestehe jedoch die Gefahr, dass die Einheitsgemeinde „offenen Auges“ in ein Problem hineinlaufe. Wenn in einzelnen Ortschaften nur noch ein oder zwei Kinder im Jahr geboren würden oder in manchen Jahren gar keine, werde es schwierig, kleine Einrichtungen dauerhaft zu halten.
Er verwies auch auf die Grundschulen. Wenn sich die Entwicklung fortsetzt, könnten Standorte wie Grieben und Lüderitz perspektivisch unter sehr kleine Klassen- und Schülerzahlen fallen. Ähnliche Fragen stellten sich bei den Kitas. Wegener sprach offen an, dass der dauerhafte Erhalt aller Standorte bei sinkenden Kinderzahlen, steigendem Personalbedarf und begrenzten Finanzen nicht ohne Konsequenzen möglich sein werde.
Damit wurde genau jene Grundsatzfrage benannt, die nun nach der Ablehnung des Konzeptes weiter offen ist: Welche Kita-Landschaft kann und will sich die Einheitsgemeinde langfristig leisten?
Mehr Plätze ab 1. August – aber strukturelle Fragen bleiben
Klar ist: Ab dem 1. August stehen in der Einheitsgemeinde weitere Kita- und Krippenplätze zur Verfügung. Gleichzeitig löst dies nicht die langfristigen Fragen. Mehr verfügbare Plätze bedeuten bei sinkenden Kinderzahlen auch, dass die Auslastung einzelner Einrichtungen weiter betrachtet werden muss. Jede Einrichtung benötigt unabhängig von ihrer Belegung Personal, Leitung, Vertretung, Aufsicht, Kinderschutz, Betriebssicherheit und Gebäudeunterhaltung.
Gerade kleinere Einrichtungen haben dadurch hohe Fixkosten. Fällt dort Personal aus, ist der Betrieb schwerer abzusichern als in größeren Einrichtungen. Hinzu kommen steigende Anforderungen an Inklusion, Barrierefreiheit, pädagogische Qualität, Digitalisierung und Gesundheitsmanagement.
Politische Wahrheit bleibt bestehen
Die Ablehnung des Konzeptes beendet die Debatte nicht. Sie verschiebt sie lediglich.
Die Kinderzahlen steigen durch die Ablehnung nicht. Die Personalfragen lösen sich dadurch nicht. Sanierungsbedarfe verschwinden nicht. Und die Frage, welche Standorte langfristig tragfähig sind, bleibt unbeantwortet.
Die politische Wahrheit lautet: Wer kurze Wege, alle Einrichtungen, hohe Qualität, entlastetes Personal und verlässliche Öffnungszeiten will, muss auch sagen, wie Personal, Gebäude und Finanzierung dauerhaft gesichert werden sollen.
Das Kita-Konzept hätte dafür eine gemeinsame Grundlage bieten sollen. Nach der Entscheidung des Stadtrates ist offen, wie diese Debatte nun weitergeführt wird.